„Neurofunktionelle Reorganisation“

Bei der Padovan-Methode „Neurofunktionellen Reorganisation“ handelt es sich um eine auf den ganzen Menschen bezogene Therapiemethode. Die Grundlagen der Padovan-Methode sind das Konzept der „Neurologischen Organisation“ des amerikanischen Neurologen und Neurochirurgen Temple Fay (1895-1963), Aspekte der anthroposophischen Denkweise nach Rudolf Steiner (1861-1925) und Beobachtungen der natürlichen, menschlichen Entwicklung. Diese intensiven Studien sowie die langjährige Auseinandersetzung mit logopädischen und kieferorthopädischen Fragestellungen an der medizinischen Fakultät in São Paulo (Brasilien) und nicht zuletzt die klinischen Beobachtungen ließen die Pädagogin und Logopädin Beatriz Padovan schließlich auch ihr Programm zur Behandlung von myofunktionellen Störungen entwickeln.

Die Padovan-Methode steht somit auf vier Säulen, die Beatriz Padovan - aufgrund ihrer ganzheitlichen Sichtweise in Hinblick auf die funktionellen und physiologischen Zusammenhänge zwischen allen Bewegungssystemen unseres Körpers - in ihrer Methode zusammenführte und immer folgende Elemente beinhaltet:

  • Körperübungen, die zum größten Teil aus dem Konzept der „Neurologischen Organisation“ stammen und unter Berücksichtigung der ganzheitlichen Denkweise i. S. Rudolf Steiners adaptiert und durch Beatriz Padovan ergänzt wurden.
  • Übungen zu den Mundfunktionen, die Beatriz Padovan zur Behandlung von myofunktionellen Störungen entwickelte.

Die neurologischen Organisation und Reorganisation

Die neurologische Organisationist ein natürlicher, dynamischer und komplexer Prozess, der das menschliche Nervensystem zur Reifung bringt, damit jedes Individuum sein genetisches Programm entfalten kann, um all seine Fähigkeiten sowie Fertigkeiten in Hinblick auf sein Potential entwickeln und ausbilden zu können (bspw. Fortbewegung, Sprache, höhere kognitive Fähigkeiten).

Dabei handelt es sich um die ontogenetische Entwicklung, in der der Mensch in einer bestimmten chronologischen Reihenfolge bestimmte Entwicklungsschritte in den unterschiedlichen Entwicklungsbereichen durchläuft. Auf der Basis neuro-evolutiver Bewegungen (rollen, kriechen, krabbeln bspw. in Hinblick auf den Aufrichtungs- und Fortbewegungsprozess) und den epigenetischen Faktoren macht das Kind senso-motorische Erfahrungen, worüber es in den ersten sechs bzw. sieben Lebensjahren neurologische Kreisläufe (=► die zur Ausbildung der Hemisphärendominanz mit einer festgelegten Lateralität führen) ausbildet und auf denen alle weiteren Lernerfahrungen basieren. Der Prozess der neurologischen Organisation ist schließlich mit Anfang zwanzig abgeschlossen.

Die „Neurofunktionelle Reorganisation“hat zum Ziel, diese natürlichen Entwicklungsschritte des Menschen zu wiederholen, bzw. zu rekapitulieren. Darüber können mögliche Fehlentwicklungen innerhalb der neurologischen Organisation korrigiert und neuronale Regelkreisläufe effizienter und zielgerichteter ausgebildet werden. Darüber können wiederum die Körpersysteme neu organisiert werden, um den Erwerb oder das Erlernen von neuen oder verlorenen Fähigkeiten und Fertigkeiten möglich zu machen, so dass Symptome einer entwicklungsbedingten oder erworbenen Störung gemindert oder überwunden werden können.

Zudem können Erfahrungen mit der Behandlungsmethode der Padovan-Methode zunehmend durch Erkenntnisse aus den derzeitigen aktuellen Forschungen innerhalb der Neurowissenschaften gestützt werden.

Gehen - Sprechen - Denken

Beobachtet man innerhalb der neurologischen Organisation Fehlentwicklungen, können mit Hilfe der neurologischen Reorganisation Bewegungserfahrungen über gezielte Übungen angeboten werden, um den Aufrichtungsprozess neu anzustoßen, worüber ein effizienteres Körperschema ausgebildet werden kann.

Ähnliches erreicht man mit den Übungen zu den Mundfunktionen (Atmung, Saugen, Kauen und Schlucken), worüber der Sprechapparat reifen kann.

Durch die Arbeit an allen Körper- und Bewegungssystemen ist es möglich psycho-emotionale Prozesse ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei erfolgt zudem eine gezielte visuelle und auditive Stimulation während der gesamten Behandlung, wodurch höhere kognitive Fähigkeiten, wie bspw. die sprachlichen Fähigkeiten sowie Lese- und Schreibfertigkeiten gefördert werden.